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Social Distancing, Corona und Begegnungsarbeit: Die Begegnungsbox

Die Gesellschaft befindet sich im permanenten Wandel. Gerade zu Corona Zeiten können wir das sehr deutlich sehen. Die Zeit und ihre Auswirkungen sind ungewiss. Es ist wichtig, sich mit zu verändern.

Oft, vor allem in großen Städten, spiegelt sich die Vielfalt der Gesellschaft schon im eigenen Viertel und sogar im eigenen Haus ab. Als Sozialunternehmen, das sich für mehr gelebte Vielfalt einsetzt, haben wir  von interkular uns also in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht für dieses Ziel Begegnungsformate zu entwickeln, denn Begegnung lohnt sich!

Der Küchentisch im Innenhof – das waren noch Zeiten …

Begonnen hat alles mit einer Aktion, zu der wir unser Büro in Neukölln einfach auf die Straße verlegt haben. Mit einem bunten Angebot an Getränken und Knabbereien luden wir die Nachbarschaft an unsere Bürotische und kamen ins Gespräch. Schon bald bildeten sich Grüppchen von Nachbarn, die feststellten, dass sie im gleichen Haus oder in der gleichen Straße wohnten und sich über dieses Zusammentreffen hinaus vernetzten.

Weitere Tischaktionen folgten. Wir stellten uns in Wohnstraßen, vor Supermärkte, machten auf Aktivitäten in der Nachbarschaft aufmerksam und vernetzten Menschen miteinander. Das klappte so gut, dass wir beschlossen, aus dieser Idee ein Begegnungsformat zu entwickeln: den Küchentisch im Innenhof.

In Kooperation mit einer Hausverwaltung und einem Eigentümer führten wir ab 2018 ein Pilotprojekt in drei Miethäusern Berlins durch, in denen wir uns in monatlichen Abständen in den Innenhöfen der Häuser trafen und Nachbarn einluden miteinander ins Gespräch zu gehen.  Eine Pinnwand im Hausflur unterstützte dazu noch die offline Vernetzung der Nachbarschaft.

Familien fanden Student*innen im Haus zum Babysitten, Bachelor Arbeiten wurden korrigiert, Sprachtandems eingerichtet, Initiativen für einen kleinen Garten im Hof gegründet und Erfahrungen in der Infrastruktur der Nachbarschaft, sowie Geschichten zum Haus ausgetauscht.

So erzählte eine ältere Dame am Küchentisch, wie es in dem Haus früher Brötchendienste gegeben hat. Jeden Sonntag war eine Wohnpartei mit Brötchen holen für das gesamte Haus dran und alle anderen konnten sich nach dem Aufstehen über den Frühstücksservice auf der Fußmatte freuen. Ihre Idee fand großen Anklang und so konnte etwas, was es „früher schon gegeben hat“ wieder eingeführt werden. Die ältere Dame hatte sich damit in ihrem Haus einen Namen und mit der Geschickte sichtbar gemacht

Schon bald merkte die Nachbarschaft also, auch anhand solcher Geschichten, dass sich Begegnung tatsächlich lohnt und auch wer am Anfang mit den Worten „keine Zeit“ vorbei rauschte, kam mitunter darauf, dass ein nachbarschaftliches Netzwerk auch ein Zeitersparnis darstellen kann … in einem Haus konnten wir die Organisation des Küchentisches sogar schon an engagierte Bewohner*innen übergeben, bei den anderen waren wir kurz davor- da kam Corona und die physische Distanz legte  die Weiterentwicklung dieses Projektes vorerst lahm.


Social distancing? Nicht mit uns!

Aber deshalb soziale Kontakte einschlafen lassen – das wollten wir um jeden Preis verhindern. Begegnung hält gesund!

So entwickelten wir ein neues – kontaktloses – Format für die Nachbarschaft:

Die Begegnungsbox

Die Begegnungsbox umfasst unter anderem eine Pinnwand mit reichlich Equipment für den Hausflur sowie ein Booklet mit Anregungen und Hilfestellungen, die der aktuellen Situation angepasst sind.

Die Startfinanzierung für dieses Projekt hat die Postcode-Stiftung übernommen, sodass die Begegnungsboxen auch an

Interessent*innen, die nachbarschaftlichen Zusammenhalt im eigenen Haus etablieren möchten, kostenlos versandt werden können. Sie kann übrigens per E-Mail unter begegnungsbox@interkular.de bestellt werden.

Wenn alles gut läuft und viele Menschen die Bedeutung des Nachbarschaftlichen Zusammenhaltes sehen und fördern wollen, können wir durch Spenden bei Betterplace ein von der Gesellschaft finanziertes Gesellschaftsprojekt weiterentwickeln … das ist unser Ziel!

Seit die Box vor drei Wochen das erste mal gepackt wurde, haben unser Angebot auch schon 100 Menschen aus ganz Deutschland in Anspruch genommen – sogar in die Schweiz haben wir ein Exemplar geschickt.

Aber beim Verschicken bleibt es nicht: Wir bleiben mit den Interessent*innen im Kontakt, erarbeiten gemeinsam für ihre Häuser passende Konzepte um noch mehr Nachbar*innen zu erreichen und nutzen ihr Feedback um die Box zu optimieren. So gibt es vom Booklet bereits eine zweite Auflage.

Kontaktlose Begegnung auch zum Tag der Nachbarn

Nicht nur Privatpersonen konnten wir begeistern, auch der Verband Sozial-kultureller Arbeit (VSKA) findet das Projekt spannend und hat für das Fest der Nachbarn gleich 100 Boxen für ihre Mitgliedsorganisationen ( Nachbarschaftsinitiativen) bestellt, für die wir dann noch ein erweitertes Nachbarschaftskonzept für den öffentlichen Raum entwickelt haben.

Vielleicht könnt ihr ja schon am 29.Mai zum Fest der Nachbarn über die Pinnwand in eurer Nachbarschaft aktiv werden. Besonders Menschen, die sich in der Online Welt nicht so zu hause fühlen sind jetzt auf gute nachbarschaftliche Vernetzung angewiesen und können so weiter soziale Kontakte halten.

Auch nach Corona wird eine solidarische Nachbarschaft das Kapital einer gesunden Gesellschaft sein.

Wir beginnen JETZT gemeinsam, dies aufzubauen. Es wird sich viel verändern in nächster Zeit und das birgt auch Chancen. Mit dem Aufbau einer Solidarischen Nachbarschaft wird Bewegungen, wie Rassismus, Ausgrenzung und einer Splittung der Gesellschaft von innen entgegengewirkt.

Macht mit, denn: Begegnung lohnt sich!!!

 

 

 

Schreibe- und Lesewerkstatt bei interkular

Über den Winter 2019/2020 lief donnerstags die Schreib- und Lesewerkstatt. Wir lasen und bearbeiteten gemeinsam Texte: von Nachrichten in einfachem Deutsch bis zu Raptexten.

Die Schreib- und Lesewerkstatt war für alle Teilnehmenden mit viel Spaß, aber auch mit herausfordernder Arbeit verbunden!

Lebenslauf schreiben – Arbeit finden – Leichter gesagt als getan

„Hallo, ich bin Zaid*. Ich komme, um einen Lebenslauf zu schreiben“. Mit diesem Satz, mit dieser Begrüßung beginnt mein Auftrag. Menschen dabei zu unterstützen, sich erfolgreich um eine Arbeit zu bewerben. Leichter gesagt als getan.

Jede*r Mensch ist unterschiedlich. So unterschiedlich wie die Biografien der Menschen, die zu mir in die Sprechstunde kommen, so unterschiedlich sind sie auch in ihren Fähigkeiten und Sprachkenntnissen, wie auch in ihrem Verständnis für deutsche Gründlichkeit und bürokratische Abläufe hierzulande. Was uns verbindet: wir haben uns getroffen, um zusammen eine Hürde zu nehmen, um in Deutschland Arbeit zu finden und sich so eine neue Zukunft aufzubauen. Wir beginnen mit einem Lebenslauf.

„Kannst du mir auch den Monat nennen, wann du deinen Schulabschluss gemacht hast und wann du deine letzte Arbeit angefangen hast, in Eritrea*? Es ist wichtig die formalen Anforderungen einzuhalten, so gut es uns möglich ist. Viele Menschen, die anderen Menschen Arbeit geben bzw. den Einstellungsprozess verantworten, legen (leider) viel Wert darauf.“ Ist der Satz angekommen? Wurde ich verstanden? Wechsel zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und die Zuhilfenahme von Übersetzungsprogrammen sind die Regel in den Beratungsterminen. In den allermeisten Fällen reicht das aus für eine Verständigung auf das Wesentliche. Am Ende soll ein fertiger Lebenslauf entstehen.

Insbesondere wenn es darum geht, Nachweise über Zeugnisse über bereits erworbene Schul- und Bildungsabschlüsse oder Arbeitsnachweise zu generieren, ist hohe Sensibilität gefordert um Menschen in Rücksichtnahme auf ihre erlebte Vergangenheit nicht zu überfordern.  Da diese Dokumente oftmals gerade einfach nicht so einfach zur Hand zu bekommen sind. Oder auf dem Weg nach Deutschland verloren gegangen. Ahmad* erzählt mir zwischendurch einen Witz, der die tödliche Asyl- und Migrationspolitik der EU thematisiert. Es geht um die Einhaltung von Formalia und die fehlende Menschlichkeit in den Prozessen, in denen wir als Gesellschaft feststecken. Wir schmunzeln und schauen uns tief in die Augen. Humor statt Resignation. Oder ein bischen was von beidem. Auf der Suche nach Hoffnung: Weiter geht es mit dem Anschreiben.

„Warum möchtest du dieser Arbeit nachgehen? Warum möchtest du dich genau bei diesem Unternehmen bewerben? Was sind deine Stärken, was zeichnet dich als Mensch aus?“ Dieser Teil ist meist sehr persönlich und wirft nochmals viele Fragen auf, die nur Ansatzweise in einem ersten Termin geklärt und erarbeitet werden können.

Am Ende der Stunde steht ein fertiger Lebenslauf und ein Entwurf für ein Anschreiben. Viel Glück bei der Bewerbung. Wenn du noch was brauchst, meldest du dich.

*Name geändert
*Land geändert

Begegnung lohnt sich! Vielfalt bereichert!

interkular wird bald auch in Ihrem Kiez sein! Auf geht’s!

Zusammenhalt fördern, da wo sich Menschen allein gelassen fühlen!
Wir fahren in Randbezirke, zu Brennpunkte und in die Dörfer der Umgebung!

Ein Ohr haben für die Probleme und Befürchtungen der Anwohner und Unternehmen vor Ort – das andere Ohr für die Beratungaufgaben in größeren Unterkünften.

Unser Ziel:
Menschen zusammen bringen!
 

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PDF zum Download: Booklet Begegnung lohnt sich! Vielfalt bereichert!

Begegnung lohnt sich!

Wir möchten vorstellen: unser neues Begegnungsformat- Der Küchentisch

Wo finden zu Hause die interessantesten Gespräche statt? Am Küchentisch. Warum die Runde nicht auch mal um ein paar Nachbar*innen erweitern? Schließlich wohnt man auf so engem Raum zusammen. Der Küchentisch ist ein Format mit dem wir zunächst Nachbar*innen in einem Haus wieder näher zusammenbringen wollen und dann am Besten ganze Kieze. Über Hausverwaltungen erbitten wir uns Einlass in ihre Hinterhöfe, bauen dort einen schönen Tisch mit Getränken und Essen auf, setzen uns daran und laden die Nachbarschaft des Hauses dazu ein sich zu uns zu setzen. Auf diese Weise entstehen extrem niederschwellige Gesprächsmöglichkeiten für Nachbar*innen in denen sie sich kennen lernen, miteinander austauschen, Vorurteile jeglicher Art abbauen und im besten Fall merken, dass sie voneinander profitieren können. Wir animieren sie dazu dieses Format regelmäßig selber zu organisieren und bieten dafür unsere Unterstützung an.

 

Jetzt Spenden! Das Spendenformular wird von betterplace.org bereit gestellt.

3 Projekte – 3 Aktionen – 3 Geschichten

 

Der Beginn einer wundervollen Zusammenarbeit….wir Kinder von Welt!

Bei unserem Projekt Südkieznetzwerk zum Aufbau einer Nachbarschaftsplattform steht insbesondere die Vernetzung im Kiez und die aktive Nachbarschaftsgestaltung im Fokus. Genau aus dem Grund haben wir uns im Spätsommer 2017 mit zwei weiteren Initiativen im Kiez zusammengeschlossen – zum einem dem Schlesi 27/ Coop Campus und zum anderen der Kinderwelt am Feld – um genau dafür Raum zu schaffen. Wir wollten den Kiez-Bewohner*innen gemeinsam zu hören, von ihren Wünschen erfahren, ihnen eine Stimme geben! Daraus entstanden sind drei tolle Aktionen mit drei tollen Geschichten:

Aktion Nummer 1: Die Interkulturellen Tage

Wir haben September 2017. Die langen lauen Sommertage neigen sich langsam dem Ende und gehen über in herbstlich goldene Tage. Der Klang der Sommer(schul)ferien ist noch zu hören und wiegt uns in die Planungsphase für die Interkulturellen Tage. Inmitten der ersten Wochen nach Schulstart und der Sommerakademie auf dem Coop Campus, zwischen diversen Infotagen, Netzwerkveranstaltungen und Konferenzen soll das Kiezfest als erste gemeinsame Aktion der drei Projekte platziert werden: Mit dem Gedanken des Brückenschlags zwischen dem Nord- und Südkiez, soll am ersten Tag ein Nachbarschaftsfest auf dem Wartheplatz stattfinden und am Folgetag auf dem Tempelhofer Feld.

Das erste Treffen zur Planung stand dann unter dem Motto: Bestehende Synergien nutzen und Ressourcen bündeln. Bei interkular liefen als zentrale Anlaufstelle dafür alle Ideen zusammen, während die Planung gleichwürdig von allen drei Projekten vorangetrieben und gestaltet wurde. Wir hatten 6 Wochen Zeit für die Planung, Vorbereitung und Umsetzung. Unsere Vision der Partizipation war es, eine Kiez-Identität zu schaffen, die alle Menschen, Akteur*innen und Anwohner*innen, die sich im Kiez verorten, mitgestalten können und in der sie sich wiederfinden. Neben den üblichen organisatorischen Hürden und den vielfältigen Interessen, die gehört und gesehen werden wollten, entstand zwischen den drei Projekten schnell eine Verbindung. Die gleichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, das Interesse an den jeweils Anderen mit ihren Fähigkeiten und Funktionen und die Organisationsstrukturen und Herangehensweisen in der sozialraum-orientierten Arbeit brachten nicht nur genug Gesprächsstoff mit sich, sondern führten uns auch in ein gemeinsamen Prozess des Weiterdenkens und Entwickelns.

Das Ergebnis war ein bunter Tag mit Marktständen, ein breites Angebot an künstlerischen und kreativen Workshops, unfassbar gutes Essen, Musik und Performance und einen Begegnungsort für den Austausch unterschiedlicher Lebenswelten. Die Nachbar*innen wurden über die aktuelle Arbeit unserer drei Projekte im Kiez informiert und konnten uns über eine Wunschbox von ihren Ideen und Träumen für den Kiez berichten.
Wir danken allen, die tatkräftig unterstützt haben, ihre Ideen eingebracht und diese beiden Tage besonders gemacht haben.

Aktion Nummer 2: Das Weihnachtsfest im Warthe-Kiez

Aber das sollte noch längst nicht alles gewesen sein! Es folgte ein gemeinsames Treffen beim Quartiersmanagement Schillerpromenade. Das Treffen galt der Planung für ein Weihnachtsfest am 12.12.17. Schon im Vorjahr gab es ein gleiches Event, welches sehr schön in Erinnerung geblieben ist. Und da wir ja schon in Übung waren und die bisherige gemeinsame Arbeit sehr genossen haben, beschlossen wir während des Treffens, es nicht beim Weihnachtsfest zu belassen, sondern einige Tage später noch ein Lichterfest anzuschließen.

Für das Weihnachtsfest hatte das Quartiersmanagement Schiller-Kiez den Hut auf. Und auch diesmal fehlte es an nichts. Es gab 10 Stände mit Leckereien, selbstgemachtem und Kiez-Infos. Die Kinder konnten basteln und sich schminken. Bei warmen Getränken und einer feierlichen Illumination die von einem Clown mit Feuershow begleitet wurde, konnte der Musik des Kiezorchesters gelauscht werden oder die bezaubernden Lichtobjekte des Künstlers Moritz Wermelskirch bestaunt werden.

Aktion Nummer 3: Das Lichterfest

Das vorläufige Finale war dann das Lichterfest der Sinne am 15.12.2017. Auf dem Gelände des Coop Campus und dem Kinderwelt am Feld leuchten die Kristall- und Lichtkörperskulpturen, die in den vorherigen Wochen in liebevoller Kleinstarbeit im Rahmen eines Kunstprojekts entstanden waren und die nun mit einem Programm für alle Sinne untermalt wurden. Es gab Lagerfeuer, Stockbrot und ein Kinder- und Elternangebot. Der Lichterumzug mit Todosch, der bei Amir und Shadi mit der Soundinstallation endete, hat dann auch die letzten umherirrenden Seelen an den Ort der Festlichkeiten geleitet. Neben Glühwein, Tea-Tasting, der Kantine – DELI to Middle East, Challenges für Groß und Klein, schamanischen Ritualen und den zahlreichen Performances im Bereich Tanz, Akrobatik, Rap und Instrumental & Voice Musik, konnten die Besucher*innen das Gelände erkundschaften oder bei der Fahrradlotterie mit Alkassim teilnehmen und einen schicken fahrbaren Untersatz gewinnen!
Der Puls der Zeit war nicht nur optisch, sondern auch visuell zu sehen und verwandelte den Ort zu einem lebendigen und freudigen Schauplatz inmitten von Neukölln. Das Highlight: Einen Raum kreiert zu haben, an dem Unterschiedlichkeit in jeglicher Form ihren Platz hat und gleichzeitig Gemeinsamkeiten gefunden und gelebt werden können.

Diese drei Aktionen sind der Beweis dafür, dass

    • Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktionieren kann und es dabei möglich ist, dass diese Augenhöhe gemeinsam bestimmt wird,
    • der offene Dialog und transparente Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg sind,
    • jedes Potential in der Gruppe gesehen und genutzt werden sollte und schlummernde Fähigkeiten gemeinsam entdeckt werden können,
    • Ressourcen gebündelt werden können und damit etwas Neues entstehen kann, dass als Inspirationsquelle alle bereichert!

Wir bedanken uns bei allen, die bei diesen drei Aktionen so großartig mitgewirkt haben und freuen uns auf viele weitere!

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Calais oder „… ich weiß auch nicht warum ich nach England will. Aber mir fällt kein anderes Ziel ein. Und wer keine Ziele hat, hat keine Hoffnung und wer keine Hoffnung hat, kann auch gleich sterben.“

Das sagte uns ein junger Mann, den wir in den Wäldern von Calais trafen.

Im Rahmen der ‚On y va-Förderung’, durch die wir uns mit Organisationen aus Frankreich und Spanien über unsere Integrationsarbeit austauschen können, waren Dominik und ich Mitte Januar in Paris und Calais.

Es war erschreckend zu sehen, wie viele Menschen in Paris auf der Straße leben, viele auf der Flucht – auch Jugendliche! Es war bitter kalt und regnete in Strömen und an unserem Treffpunkt in La Chapelle, wo unsere Partnerorganisation Utopia ihr improvisiertes Büro hat, drängten sich die Menschen unter Brücken… Decken, Koffer und Schlafsäcke um sich gestapelt harren sie dort frierend der Dinge die da kommen oder eben nicht…

Im Büro von Utopia ging es hektisch zu. Einerseits wurden die vier Freiwilligen, die sich dort um die Ausgabe von Decken und Kleidung kümmerten, von einem Mann bedroht, der völlig verzweifelt auf der Suche nach seinem Gepäck war und andererseits standen die Telefone nicht still! Macron hatte soeben in Calais gesprochen und die Hilfsorganisationen vor Ort – auch Utopia – scharf angegriffen. Überhaupt war seine Rede sehr beunruhigend. Er scheint sich als echter Hardliner der Asylpolitik zu entpuppen. Die Hoffnungslosigkeit über diese Entwicklung war auch im Utopia Büro spürbar. Zoe, die Koordinatorin der Hilfe für Minderjährige, erzählte von der gängigen Praxis der Behörden in Paris, Minderjährige nicht als solche anzuerkennen. Sie müssen dann ihre Minderjährigkeit „beweisen“. Die Beweisführung dauert bis zu 12 Monate. In der Zeit befinden sich die Jugendlichen laut Zoe in einer Art Grauzone. Sie haben weder Anspruch auf Jugendhilfe noch auf ein Asylverfahren und so landen sie auf der Straße. Utopia versucht mit einem Hilfsprogramm Familien zu finden, die sie in dieser Zeit aufnehmen können. Als wir uns so auf den Straßen umsahen, mussten wir aber realisieren, dass das wohl nur zu einem geringen Prozentsatz klappt – so viele Teenager haben wir dort hausen sehen!

Nach den schockierenden Berichten und Bildern aus Paris ging es am nächsten Tag nach Calais. Dort zeigte uns Christoph von Utopia das „Warehouse“. Eine von der Hilfsorganisation Auberge de migrants angemietete Lagerhalle, in der mehrere Hilfsorganisationen, vornehmlich aus Großbritannien und Frankreich, untergekommen sind. Dort kommen Sach- und Essensspenden an, werden von zahlreichen Freiwilligen sortiert und verarbeitet. In der Küche, die täglich 2500 Portionen Essen zubereitet, herrscht konträr zu prekären Situation der Menschen Festivalstimmung und auch bei der Kleidersortierung wird getanzt. Im Holz-Zelt quasselt man ausgelassen miteinander, während hunderte gespendete Europaletten zu Feuerholz zersägt werden. Nur diejenigen, die nachmittags wieder zur Essensausgabe raus zu den Wäldern hinter dem ehemaligen Jungle fahren, wirken konzentriert und angespannt. In einer Kolonne aus einem gespendeten Doppeldecker, der als Schul- und Lernbus umfunktioniert wurde und zwei Lieferwagen beladen mit warmem Essen, Kleidern und Feuerholz  geht es los – die noch ca. 600 ausharrenden jungen Menschen besuchen, die die Hoffnung noch nicht verloren haben, mit einem der vielen Laster nach Dover übersetzen zu können.

Mir fällt sofort auf, wie viele Teenager darunter sind. Wir sind zwar in einem langen Gespräch mit den Freiwilligen, die sich um die Minderjährigen kümmern, schon darauf vorbereitet worden, die Jungs dann aber da zu sehen, wie sie sich bei grade einmal 3 Grad im Matsch vor dem provisorischen Lager die Strümpfe anziehen, um zu den Bussen zu kommen und sich um das Feuer zu drängen, ist nochmal was ganz anderes.

Die einen spielen im Laufe der nächsten Stunde nach dem Essen ein wenig Fußball mit den Freiwilligen, andere gehen in den Schulbus, wieder andere lassen sich offene Wunden behandeln und einer gesellt sich zu uns und erzählt vom Leben vor Ort. Er sei erst ein Jahr hier, andere schon viel länger. Sich als letzte Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit an England  zu klammern, scheint auch ihm (der sogar schon mal dort war) absurd und doch die einzige Überlebenschance.

Er erzählt von vielen abgelehnten Asylbewerber*innen aus Deutschland. Und plötzlich kommt der Gedanke auf: Ist Calais auch eine Chance? Haben sie recht, wenn sie dort warten und hoffen? „Viele abgelehnte Asylbewerber*innen  fliehen aus Angst vor Abschiebehaft nach Calais. Sie wollen auf keinen Fall riskieren, wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt zu werden, denn da können sie nicht bleiben. Sie müssten sich wieder auf den Weg machen. Die Meisten kommen aus Eritrea, Sudan und Somalia. Abgeschoben zu werden bedeutet für sie, nochmal durch die Hölle der Sahara gehen zu müssen und vor allem Libyen! „Dann doch lieber Calais“, erklärt uns der junge Mann! Und ich verstehe was er meint!

Wir bekommen mit, wie sich alle riesig für einen Jungen freuen, der es letzte Nacht geschafft hat, wie bei allen wieder die Hoffnung zurückkehrt und sie ausgelassen auf neue Chancen warten. Auf der Rückfahrt sehen wir drei Jungs, höchstens 15 Jahre alt, wie sie sich durch den Stacheldraht des Zaunes einer LKW-Firma zwängen um es diese Nacht wieder zu versuchen… wissend, dass sie ihr Leben riskieren.

Allein im Januar sind drei Menschen bei dem Versuch nach Dover zu kommen auf der Autobahn gestorben.

On y va!!! Drei europäische Organisationen setzen sich gemeinsam für eine bessere europäische Integrationspolitik ein.

Mit der Hilfe unserer grandiosen, nicht müde werdenden Unterstützer*innen haben wir im Sommer eine Förderung der Boschstiftung in Zusammenarbeit mit dem DFI gewonnen.

On y va ist ein Format, das deutsch- französische und europäische Beziehungen auf niederschwelliger Ebene fördern soll.

Es gab 5000 Euro, die Projekte wie „gemeinsam durch das Elsass radeln“ bis zu Theaterkooperationen deutscher und französischer Unis gleichermaßen erhalten konnten.

In diese Mischung haben wir uns einfach auch gestürzt und zwar mit der Idee uns mit einer spanischen und einer französischen gemeinnützigen Organisation zu vernetzen und uns über Integrationskonzepte auszutauschen.

Bei der Auswahl war es uns wichtig ein möglichst breites Spektrum von Wissen zur Integrationsarbeit abzudecken. Daher fragten wir aus Frankreich den Verein Utopia an, der sich hauptsächlich mit Nothilfe (in Camps rund um Calais aber auch z.B. in Paris) beschäftigt und aus Spanien die Organisation Acoge, die eine Art Dachverband für Migrations- und Hilfsorganisationen in Teilen Spaniens ist. So konnten wir sowohl eine europäische Praxis orientierte als auch politische Expertise hinzu gewinnen. Beide Organisationen hatten große Lust auf den Austausch und so trafen wir uns zum 1. Mal im Oktober in Berlin, um ein gemeinsames Austauschprogramm zu entwerfen.

Die unterschiedlichen nationalen politischen Herangehensweisen beim Thema Asyl waren sehr überraschend und erschreckend für uns alle- hierzu werde ich in einem der nächsten Blogs noch detaillierter schreiben.

Positiv stimmte uns, dass wir alle ähnliche Vorstellungen von Integrationsarbeit haben und uns daher zu einem gemeinsamen Ziel machen konnten, diese in den politischen Dialog auf europäischer politischer Ebene einzubringen.

Wir werden die Planung hierzu in den noch ausstehenden zwei Treffen verfestigen und dann darüber berichten.

Die Förderung der Boschstiftung ermöglicht nun, dass wir uns noch zweimal treffen können: Im Januar in Paris und Calais. Dort werden wir – zusätzlich zu weiteren Strategieplanungen – im Camp übernachten und Winternothilfe leisten und uns auch in Paris ein Bild von der Situation der Menschen zu machen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Das letzte geförderte Treffen findet im März in Spanien statt. Da werden wir zu der Enklave Melilla reisen um ein Bild von der Situation der Menschen vor Ort zu bekommen und dort mit gemeinnützigen Organisationen zu sprechen. Außerdem werden wir ein illegales Camp von Obstpflücker*innen besuchen um uns mit ihnen über ihre Situation auszutauschen. Auf dem dritten Treffen wird ein Forderungskatalog entstehen und die drei Organisationen besprechen dann auch weitere gemeinsame Schritte. Wir freuen uns sehr, diese tollen Partner*innen gefunden zu haben und sind überzeugt, dass wir großartig zusammen arbeiten werden!