Die Integrationsmacher: Wir fangen schon einmal an! Von einer Begegnung mit Ai Wei Wei und der Gründung von interkular…

Es klappt nicht immer alles wie geplant: Manchmal klappt es sogar besser. Denn als Dominik und Nina sich bei einem Soli-Flohmarkt das erste Mal begegneten, hätten die beiden sich sicherlich nicht ausmalen können, ein Jahr später gemeinsam das Sozialunternehmen interkular zu gründen.

Dominik war zu der Zeit frisch nach Deutschland zurückgezogen. Für einige Jahre lebte und forschte er in Sao Paolo/Brasilien für seine Doktorarbeit zu urbanen Un-/Sicherheitspraktiken. Bei seiner Rückkehr nach Berlin hatte sich die Stadt und das Land ein Stück verändert, denn hunderttausende Menschen suchten Zuflucht vor Krieg und Verfolgung. Kaum zurück, packte Dominik bei der Soforthilfe mit an. Es war klar, dass er hier ehrenamtlich seinen Beitrag für die geflüchteten Menschen in Deutschland leisten wollte.

Nina war als Alteingesessene Berlinerin schon mittendrin in der gesellschaftlichen Veränderung: Von Soli-Trödelmärkten in ihrem Kiez-Café neben dem Tempelhofer Feld und Verteilung von Nahrungsmitteln vor dem LaGeSo, bis hin zum Aufbau einer Kleiderkammer und Schulaktionstagen zum Thema Flucht – ihr selbstorganisiertes Engagement war nicht selten spontan und setzte immer dort an, wo Veränderung nötig war. Und das machte es auch wirkungsvoll!

Ebenso spontan stieg Dominik in die Arbeit im gemeinsamen Verein ‚to gather e.V.’ ein. Das erste Projekt der beiden war für die Unterkunft Tempelhof – mit viel Mühe aber eben auch unglaublich viel Spaß bauten sie gemeinsam mit einem Team von Freiwilligen eine buntes Kinderspielparadies in einen der tristen Hangarräume. Als Material dienten dabei auch Teile des nicht mehr benötigten Sets vom Seriendreh zu ‚Homeland’, welches quasi über Nacht umzog. Bei der Eröffnung zeigten sich die Unterkunftsbewohner*innen und Gäste begeistert über das Ergebnis. Unter ihnen war ein unerwarteter und prominenter Gast: Der chinesische Konzeptkünstler Ai Wei Wei ließ sich von Dominik den Raum im Detail erklären und zeigen. Dominik führte den prominenten Gast umher – ohne ihn zu erkennen. Wer konnte damit auch rechnen…

Nina und Dominik begegneten bei der Arbeit vor Ort tollen Initiativen und vielen unermüdlich arbeitenden Engagierten – den beiden fiel jedoch auf, dass nur wenige der gesellschaftlichen Zuwendungen und Projekte direkt auf die sehr große Gruppe der jungen männlichen Alleinreisenden abzielten. So entschieden sie sich ihre gebündelte Energie fokussiert in diese wichtige Zielgruppe zu stecken. Ihr erstes Großprojekt führten sie ebenfalls in der Unterkunft Tempelhofer Feld aus, diesmal als Unternehmen. Mit einer ausführlichen Bedarfsermittlung konnte dem Betreiber der Unterkunft eine zielgruppenspezifische Handlungsempfehlung gegeben werden. Aus den hierbei gewonnen Eindrücken sahen Nina und Dominik die Notwendigkeit, Integrationsarbeit aus einer holistische betrachteten Perspektive heraus zu leisten.

So entstand interkular als gemeinnütziges Sozialunternehmen. Die laufenden und bald startenden Projekte haben allesamt die Vision, Flucht und Asyl als soziale und wirtschaftliche Ressource für alle Beteiligten zu gestalten – die Menschen mit aktueller Fluchtbiografie können bestenfalls ihre eigenen Potentiale nutzen bzw. entfalten und in die Gesellschaft investieren. Und die hiesige Gesellschaft kann die neuen Umstände als Chance begreifen, gemeinsam mit und an den Neuberliner*innen zu wachsen.