Calais oder „… ich weiß auch nicht warum ich nach England will. Aber mir fällt kein anderes Ziel ein. Und wer keine Ziele hat, hat keine Hoffnung und wer keine Hoffnung hat, kann auch gleich sterben.“

Das sagte uns ein junger Mann, den wir in den Wäldern von Calais trafen.

Im Rahmen der ‚On y va-Förderung’, durch die wir uns mit Organisationen aus Frankreich und Spanien über unsere Integrationsarbeit austauschen können, waren Dominik und ich Mitte Januar in Paris und Calais.

Es war erschreckend zu sehen, wie viele Menschen in Paris auf der Straße leben, viele auf der Flucht – auch Jugendliche! Es war bitter kalt und regnete in Strömen und an unserem Treffpunkt in La Chapelle, wo unsere Partnerorganisation Utopia ihr improvisiertes Büro hat, drängten sich die Menschen unter Brücken… Decken, Koffer und Schlafsäcke um sich gestapelt harren sie dort frierend der Dinge die da kommen oder eben nicht…

Im Büro von Utopia ging es hektisch zu. Einerseits wurden die vier Freiwilligen, die sich dort um die Ausgabe von Decken und Kleidung kümmerten, von einem Mann bedroht, der völlig verzweifelt auf der Suche nach seinem Gepäck war und andererseits standen die Telefone nicht still! Macron hatte soeben in Calais gesprochen und die Hilfsorganisationen vor Ort – auch Utopia – scharf angegriffen. Überhaupt war seine Rede sehr beunruhigend. Er scheint sich als echter Hardliner der Asylpolitik zu entpuppen. Die Hoffnungslosigkeit über diese Entwicklung war auch im Utopia Büro spürbar. Zoe, die Koordinatorin der Hilfe für Minderjährige, erzählte von der gängigen Praxis der Behörden in Paris, Minderjährige nicht als solche anzuerkennen. Sie müssen dann ihre Minderjährigkeit „beweisen“. Die Beweisführung dauert bis zu 12 Monate. In der Zeit befinden sich die Jugendlichen laut Zoe in einer Art Grauzone. Sie haben weder Anspruch auf Jugendhilfe noch auf ein Asylverfahren und so landen sie auf der Straße. Utopia versucht mit einem Hilfsprogramm Familien zu finden, die sie in dieser Zeit aufnehmen können. Als wir uns so auf den Straßen umsahen, mussten wir aber realisieren, dass das wohl nur zu einem geringen Prozentsatz klappt – so viele Teenager haben wir dort hausen sehen!

Nach den schockierenden Berichten und Bildern aus Paris ging es am nächsten Tag nach Calais. Dort zeigte uns Christoph von Utopia das „Warehouse“. Eine von der Hilfsorganisation Auberge de migrants angemietete Lagerhalle, in der mehrere Hilfsorganisationen, vornehmlich aus Großbritannien und Frankreich, untergekommen sind. Dort kommen Sach- und Essensspenden an, werden von zahlreichen Freiwilligen sortiert und verarbeitet. In der Küche, die täglich 2500 Portionen Essen zubereitet, herrscht konträr zu prekären Situation der Menschen Festivalstimmung und auch bei der Kleidersortierung wird getanzt. Im Holz-Zelt quasselt man ausgelassen miteinander, während hunderte gespendete Europaletten zu Feuerholz zersägt werden. Nur diejenigen, die nachmittags wieder zur Essensausgabe raus zu den Wäldern hinter dem ehemaligen Jungle fahren, wirken konzentriert und angespannt. In einer Kolonne aus einem gespendeten Doppeldecker, der als Schul- und Lernbus umfunktioniert wurde und zwei Lieferwagen beladen mit warmem Essen, Kleidern und Feuerholz  geht es los – die noch ca. 600 ausharrenden jungen Menschen besuchen, die die Hoffnung noch nicht verloren haben, mit einem der vielen Laster nach Dover übersetzen zu können.

Mir fällt sofort auf, wie viele Teenager darunter sind. Wir sind zwar in einem langen Gespräch mit den Freiwilligen, die sich um die Minderjährigen kümmern, schon darauf vorbereitet worden, die Jungs dann aber da zu sehen, wie sie sich bei grade einmal 3 Grad im Matsch vor dem provisorischen Lager die Strümpfe anziehen, um zu den Bussen zu kommen und sich um das Feuer zu drängen, ist nochmal was ganz anderes.

Die einen spielen im Laufe der nächsten Stunde nach dem Essen ein wenig Fußball mit den Freiwilligen, andere gehen in den Schulbus, wieder andere lassen sich offene Wunden behandeln und einer gesellt sich zu uns und erzählt vom Leben vor Ort. Er sei erst ein Jahr hier, andere schon viel länger. Sich als letzte Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit an England  zu klammern, scheint auch ihm (der sogar schon mal dort war) absurd und doch die einzige Überlebenschance.

Er erzählt von vielen abgelehnten Asylbewerber*innen aus Deutschland. Und plötzlich kommt der Gedanke auf: Ist Calais auch eine Chance? Haben sie recht, wenn sie dort warten und hoffen? „Viele abgelehnte Asylbewerber*innen  fliehen aus Angst vor Abschiebehaft nach Calais. Sie wollen auf keinen Fall riskieren, wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt zu werden, denn da können sie nicht bleiben. Sie müssten sich wieder auf den Weg machen. Die Meisten kommen aus Eritrea, Sudan und Somalia. Abgeschoben zu werden bedeutet für sie, nochmal durch die Hölle der Sahara gehen zu müssen und vor allem Libyen! „Dann doch lieber Calais“, erklärt uns der junge Mann! Und ich verstehe was er meint!

Wir bekommen mit, wie sich alle riesig für einen Jungen freuen, der es letzte Nacht geschafft hat, wie bei allen wieder die Hoffnung zurückkehrt und sie ausgelassen auf neue Chancen warten. Auf der Rückfahrt sehen wir drei Jungs, höchstens 15 Jahre alt, wie sie sich durch den Stacheldraht des Zaunes einer LKW-Firma zwängen um es diese Nacht wieder zu versuchen… wissend, dass sie ihr Leben riskieren.

Allein im Januar sind drei Menschen bei dem Versuch nach Dover zu kommen auf der Autobahn gestorben.