Kategorie: Allgemein

3 Projekte – 3 Aktionen – 3 Geschichten

 

Der Beginn einer wundervollen Zusammenarbeit….wir Kinder von Welt!

Bei unserem Projekt Südkieznetzwerk zum Aufbau einer Nachbarschaftsplattform steht insbesondere die Vernetzung im Kiez und die aktive Nachbarschaftsgestaltung im Fokus. Genau aus dem Grund haben wir uns im Spätsommer 2017 mit zwei weiteren Initiativen im Kiez zusammengeschlossen – zum einem dem Schlesi 27/ Coop Campus und zum anderen der Kinderwelt am Feld – um genau dafür Raum zu schaffen. Wir wollten den Kiez-Bewohner*innen gemeinsam zu hören, von ihren Wünschen erfahren, ihnen eine Stimme geben! Daraus entstanden sind drei tolle Aktionen mit drei tollen Geschichten:

Aktion Nummer 1: Die Interkulturellen Tage

Wir haben September 2017. Die langen lauen Sommertage neigen sich langsam dem Ende und gehen über in herbstlich goldene Tage. Der Klang der Sommer(schul)ferien ist noch zu hören und wiegt uns in die Planungsphase für die Interkulturellen Tage. Inmitten der ersten Wochen nach Schulstart und der Sommerakademie auf dem Coop Campus, zwischen diversen Infotagen, Netzwerkveranstaltungen und Konferenzen soll das Kiezfest als erste gemeinsame Aktion der drei Projekte platziert werden: Mit dem Gedanken des Brückenschlags zwischen dem Nord- und Südkiez, soll am ersten Tag ein Nachbarschaftsfest auf dem Wartheplatz stattfinden und am Folgetag auf dem Tempelhofer Feld.

Das erste Treffen zur Planung stand dann unter dem Motto: Bestehende Synergien nutzen und Ressourcen bündeln. Bei interkular liefen als zentrale Anlaufstelle dafür alle Ideen zusammen, während die Planung gleichwürdig von allen drei Projekten vorangetrieben und gestaltet wurde. Wir hatten 6 Wochen Zeit für die Planung, Vorbereitung und Umsetzung. Unsere Vision der Partizipation war es, eine Kiez-Identität zu schaffen, die alle Menschen, Akteur*innen und Anwohner*innen, die sich im Kiez verorten, mitgestalten können und in der sie sich wiederfinden. Neben den üblichen organisatorischen Hürden und den vielfältigen Interessen, die gehört und gesehen werden wollten, entstand zwischen den drei Projekten schnell eine Verbindung. Die gleichen gesellschaftlichen Wertvorstellungen, das Interesse an den jeweils Anderen mit ihren Fähigkeiten und Funktionen und die Organisationsstrukturen und Herangehensweisen in der sozialraum-orientierten Arbeit brachten nicht nur genug Gesprächsstoff mit sich, sondern führten uns auch in ein gemeinsamen Prozess des Weiterdenkens und Entwickelns.

Das Ergebnis war ein bunter Tag mit Marktständen, ein breites Angebot an künstlerischen und kreativen Workshops, unfassbar gutes Essen, Musik und Performance und einen Begegnungsort für den Austausch unterschiedlicher Lebenswelten. Die Nachbar*innen wurden über die aktuelle Arbeit unserer drei Projekte im Kiez informiert und konnten uns über eine Wunschbox von ihren Ideen und Träumen für den Kiez berichten.
Wir danken allen, die tatkräftig unterstützt haben, ihre Ideen eingebracht und diese beiden Tage besonders gemacht haben.

Aktion Nummer 2: Das Weihnachtsfest im Warthe-Kiez

Aber das sollte noch längst nicht alles gewesen sein! Es folgte ein gemeinsames Treffen beim Quartiersmanagement Schillerpromenade. Das Treffen galt der Planung für ein Weihnachtsfest am 12.12.17. Schon im Vorjahr gab es ein gleiches Event, welches sehr schön in Erinnerung geblieben ist. Und da wir ja schon in Übung waren und die bisherige gemeinsame Arbeit sehr genossen haben, beschlossen wir während des Treffens, es nicht beim Weihnachtsfest zu belassen, sondern einige Tage später noch ein Lichterfest anzuschließen.

Für das Weihnachtsfest hatte das Quartiersmanagement Schiller-Kiez den Hut auf. Und auch diesmal fehlte es an nichts. Es gab 10 Stände mit Leckereien, selbstgemachtem und Kiez-Infos. Die Kinder konnten basteln und sich schminken. Bei warmen Getränken und einer feierlichen Illumination die von einem Clown mit Feuershow begleitet wurde, konnte der Musik des Kiezorchesters gelauscht werden oder die bezaubernden Lichtobjekte des Künstlers Moritz Wermelskirch bestaunt werden.

Aktion Nummer 3: Das Lichterfest

Das vorläufige Finale war dann das Lichterfest der Sinne am 15.12.2017. Auf dem Gelände des Coop Campus und dem Kinderwelt am Feld leuchten die Kristall- und Lichtkörperskulpturen, die in den vorherigen Wochen in liebevoller Kleinstarbeit im Rahmen eines Kunstprojekts entstanden waren und die nun mit einem Programm für alle Sinne untermalt wurden. Es gab Lagerfeuer, Stockbrot und ein Kinder- und Elternangebot. Der Lichterumzug mit Todosch, der bei Amir und Shadi mit der Soundinstallation endete, hat dann auch die letzten umherirrenden Seelen an den Ort der Festlichkeiten geleitet. Neben Glühwein, Tea-Tasting, der Kantine – DELI to Middle East, Challenges für Groß und Klein, schamanischen Ritualen und den zahlreichen Performances im Bereich Tanz, Akrobatik, Rap und Instrumental & Voice Musik, konnten die Besucher*innen das Gelände erkundschaften oder bei der Fahrradlotterie mit Alkassim teilnehmen und einen schicken fahrbaren Untersatz gewinnen!
Der Puls der Zeit war nicht nur optisch, sondern auch visuell zu sehen und verwandelte den Ort zu einem lebendigen und freudigen Schauplatz inmitten von Neukölln. Das Highlight: Einen Raum kreiert zu haben, an dem Unterschiedlichkeit in jeglicher Form ihren Platz hat und gleichzeitig Gemeinsamkeiten gefunden und gelebt werden können.

Diese drei Aktionen sind der Beweis dafür, dass

    • Zusammenarbeit auf Augenhöhe funktionieren kann und es dabei möglich ist, dass diese Augenhöhe gemeinsam bestimmt wird,
    • der offene Dialog und transparente Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg sind,
    • jedes Potential in der Gruppe gesehen und genutzt werden sollte und schlummernde Fähigkeiten gemeinsam entdeckt werden können,
    • Ressourcen gebündelt werden können und damit etwas Neues entstehen kann, dass als Inspirationsquelle alle bereichert!

Wir bedanken uns bei allen, die bei diesen drei Aktionen so großartig mitgewirkt haben und freuen uns auf viele weitere!

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Calais oder „… ich weiß auch nicht warum ich nach England will. Aber mir fällt kein anderes Ziel ein. Und wer keine Ziele hat, hat keine Hoffnung und wer keine Hoffnung hat, kann auch gleich sterben.“

Das sagte uns ein junger Mann, den wir in den Wäldern von Calais trafen.

Im Rahmen der ‚On y va-Förderung’, durch die wir uns mit Organisationen aus Frankreich und Spanien über unsere Integrationsarbeit austauschen können, waren Dominik und ich Mitte Januar in Paris und Calais.

Es war erschreckend zu sehen, wie viele Menschen in Paris auf der Straße leben, viele auf der Flucht – auch Jugendliche! Es war bitter kalt und regnete in Strömen und an unserem Treffpunkt in La Chapelle, wo unsere Partnerorganisation Utopia ihr improvisiertes Büro hat, drängten sich die Menschen unter Brücken… Decken, Koffer und Schlafsäcke um sich gestapelt harren sie dort frierend der Dinge die da kommen oder eben nicht…

Im Büro von Utopia ging es hektisch zu. Einerseits wurden die vier Freiwilligen, die sich dort um die Ausgabe von Decken und Kleidung kümmerten, von einem Mann bedroht, der völlig verzweifelt auf der Suche nach seinem Gepäck war und andererseits standen die Telefone nicht still! Macron hatte soeben in Calais gesprochen und die Hilfsorganisationen vor Ort – auch Utopia – scharf angegriffen. Überhaupt war seine Rede sehr beunruhigend. Er scheint sich als echter Hardliner der Asylpolitik zu entpuppen. Die Hoffnungslosigkeit über diese Entwicklung war auch im Utopia Büro spürbar. Zoe, die Koordinatorin der Hilfe für Minderjährige, erzählte von der gängigen Praxis der Behörden in Paris, Minderjährige nicht als solche anzuerkennen. Sie müssen dann ihre Minderjährigkeit „beweisen“. Die Beweisführung dauert bis zu 12 Monate. In der Zeit befinden sich die Jugendlichen laut Zoe in einer Art Grauzone. Sie haben weder Anspruch auf Jugendhilfe noch auf ein Asylverfahren und so landen sie auf der Straße. Utopia versucht mit einem Hilfsprogramm Familien zu finden, die sie in dieser Zeit aufnehmen können. Als wir uns so auf den Straßen umsahen, mussten wir aber realisieren, dass das wohl nur zu einem geringen Prozentsatz klappt – so viele Teenager haben wir dort hausen sehen!

Nach den schockierenden Berichten und Bildern aus Paris ging es am nächsten Tag nach Calais. Dort zeigte uns Christoph von Utopia das „Warehouse“. Eine von der Hilfsorganisation Auberge de migrants angemietete Lagerhalle, in der mehrere Hilfsorganisationen, vornehmlich aus Großbritannien und Frankreich, untergekommen sind. Dort kommen Sach- und Essensspenden an, werden von zahlreichen Freiwilligen sortiert und verarbeitet. In der Küche, die täglich 2500 Portionen Essen zubereitet, herrscht konträr zu prekären Situation der Menschen Festivalstimmung und auch bei der Kleidersortierung wird getanzt. Im Holz-Zelt quasselt man ausgelassen miteinander, während hunderte gespendete Europaletten zu Feuerholz zersägt werden. Nur diejenigen, die nachmittags wieder zur Essensausgabe raus zu den Wäldern hinter dem ehemaligen Jungle fahren, wirken konzentriert und angespannt. In einer Kolonne aus einem gespendeten Doppeldecker, der als Schul- und Lernbus umfunktioniert wurde und zwei Lieferwagen beladen mit warmem Essen, Kleidern und Feuerholz  geht es los – die noch ca. 600 ausharrenden jungen Menschen besuchen, die die Hoffnung noch nicht verloren haben, mit einem der vielen Laster nach Dover übersetzen zu können.

Mir fällt sofort auf, wie viele Teenager darunter sind. Wir sind zwar in einem langen Gespräch mit den Freiwilligen, die sich um die Minderjährigen kümmern, schon darauf vorbereitet worden, die Jungs dann aber da zu sehen, wie sie sich bei grade einmal 3 Grad im Matsch vor dem provisorischen Lager die Strümpfe anziehen, um zu den Bussen zu kommen und sich um das Feuer zu drängen, ist nochmal was ganz anderes.

Die einen spielen im Laufe der nächsten Stunde nach dem Essen ein wenig Fußball mit den Freiwilligen, andere gehen in den Schulbus, wieder andere lassen sich offene Wunden behandeln und einer gesellt sich zu uns und erzählt vom Leben vor Ort. Er sei erst ein Jahr hier, andere schon viel länger. Sich als letzte Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit an England  zu klammern, scheint auch ihm (der sogar schon mal dort war) absurd und doch die einzige Überlebenschance.

Er erzählt von vielen abgelehnten Asylbewerber*innen aus Deutschland. Und plötzlich kommt der Gedanke auf: Ist Calais auch eine Chance? Haben sie recht, wenn sie dort warten und hoffen? „Viele abgelehnte Asylbewerber*innen  fliehen aus Angst vor Abschiebehaft nach Calais. Sie wollen auf keinen Fall riskieren, wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt zu werden, denn da können sie nicht bleiben. Sie müssten sich wieder auf den Weg machen. Die Meisten kommen aus Eritrea, Sudan und Somalia. Abgeschoben zu werden bedeutet für sie, nochmal durch die Hölle der Sahara gehen zu müssen und vor allem Libyen! „Dann doch lieber Calais“, erklärt uns der junge Mann! Und ich verstehe was er meint!

Wir bekommen mit, wie sich alle riesig für einen Jungen freuen, der es letzte Nacht geschafft hat, wie bei allen wieder die Hoffnung zurückkehrt und sie ausgelassen auf neue Chancen warten. Auf der Rückfahrt sehen wir drei Jungs, höchstens 15 Jahre alt, wie sie sich durch den Stacheldraht des Zaunes einer LKW-Firma zwängen um es diese Nacht wieder zu versuchen… wissend, dass sie ihr Leben riskieren.

Allein im Januar sind drei Menschen bei dem Versuch nach Dover zu kommen auf der Autobahn gestorben.

On y va!!! Drei europäische Organisationen setzen sich gemeinsam für eine bessere europäische Integrationspolitik ein.

Mit der Hilfe unserer grandiosen, nicht müde werdenden Unterstützer*innen haben wir im Sommer eine Förderung der Boschstiftung in Zusammenarbeit mit dem DFI gewonnen.

On y va ist ein Format, das deutsch- französische und europäische Beziehungen auf niederschwelliger Ebene fördern soll.

Es gab 5000 Euro, die Projekte wie „gemeinsam durch das Elsass radeln“ bis zu Theaterkooperationen deutscher und französischer Unis gleichermaßen erhalten konnten.

In diese Mischung haben wir uns einfach auch gestürzt und zwar mit der Idee uns mit einer spanischen und einer französischen gemeinnützigen Organisation zu vernetzen und uns über Integrationskonzepte auszutauschen.

Bei der Auswahl war es uns wichtig ein möglichst breites Spektrum von Wissen zur Integrationsarbeit abzudecken. Daher fragten wir aus Frankreich den Verein Utopia an, der sich hauptsächlich mit Nothilfe (in Camps rund um Calais aber auch z.B. in Paris) beschäftigt und aus Spanien die Organisation Acoge, die eine Art Dachverband für Migrations- und Hilfsorganisationen in Teilen Spaniens ist. So konnten wir sowohl eine europäische Praxis orientierte als auch politische Expertise hinzu gewinnen. Beide Organisationen hatten große Lust auf den Austausch und so trafen wir uns zum 1. Mal im Oktober in Berlin, um ein gemeinsames Austauschprogramm zu entwerfen.

Die unterschiedlichen nationalen politischen Herangehensweisen beim Thema Asyl waren sehr überraschend und erschreckend für uns alle- hierzu werde ich in einem der nächsten Blogs noch detaillierter schreiben.

Positiv stimmte uns, dass wir alle ähnliche Vorstellungen von Integrationsarbeit haben und uns daher zu einem gemeinsamen Ziel machen konnten, diese in den politischen Dialog auf europäischer politischer Ebene einzubringen.

Wir werden die Planung hierzu in den noch ausstehenden zwei Treffen verfestigen und dann darüber berichten.

Die Förderung der Boschstiftung ermöglicht nun, dass wir uns noch zweimal treffen können: Im Januar in Paris und Calais. Dort werden wir – zusätzlich zu weiteren Strategieplanungen – im Camp übernachten und Winternothilfe leisten und uns auch in Paris ein Bild von der Situation der Menschen zu machen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Das letzte geförderte Treffen findet im März in Spanien statt. Da werden wir zu der Enklave Melilla reisen um ein Bild von der Situation der Menschen vor Ort zu bekommen und dort mit gemeinnützigen Organisationen zu sprechen. Außerdem werden wir ein illegales Camp von Obstpflücker*innen besuchen um uns mit ihnen über ihre Situation auszutauschen. Auf dem dritten Treffen wird ein Forderungskatalog entstehen und die drei Organisationen besprechen dann auch weitere gemeinsame Schritte. Wir freuen uns sehr, diese tollen Partner*innen gefunden zu haben und sind überzeugt, dass wir großartig zusammen arbeiten werden!

Begegnung ist das A & O

Vor einigen Wochen kontaktierte uns die DWF Kanzlei Berlin mit der Bitte, für deren Mitarbeiter*innen einen Begegnungsraum mit Menschen mit aktueller Fluchtbiografie zu schaffen. Die Anwält*innen hatten den tollen Wunsch, aktiv Kontakt zu den Neuberliner*innen aufzubauen.

Wir von interkular kamen auf die Idee, unsere Orientwiese auf dem Tempelhofer Feld für ein sommerliches Grillfest zu nutzen. Unsere Wiese ist übrigens direkt neben dem Tempelburger – der beste Burger weit und breit! Jedenfalls organisierten wir das Grillfest für den 21. Juli mit dem Ziel, dass nicht nur zwischenmenschliche und interkulturelle Begegnung stattfinden kann, sondern auch alle Beteiligten Freude haben und einfach mal abschalten können.

Zudem war es uns ein Anliegen, diese Begegnungen möglichst privater Natur zu halten. Oftmals treten unsere betreuten und begleiteten Neuberliner*innen mit Einheimischen in Kontakt wenn es um Behördengänge geht, wenn es um Aufenthaltsfragen geht, auch wenn es darum geht, wie und wo mensch Anträge stellen kann und muss oder auch wie mensch in Berlin zu einem angemessenen Wohnraum kommt. Und eben diese Aspekte wollten wir mit diesem interkulturellen Grillfest mal für einen Nachmittag bei Seite schieben und allen Gästen die Möglichkeit bieten, sich ausgelassen und frei vom Druck, den unsere Dazugekommenen täglich mit sich rumtragen, zu vergnügen.

Was gibt es da Besseres, als sich auf dem schönen Tempelhofer Feld bei bestem Wetter, mit leckerem Essen und frischen Getränken mit tollen Leuten zu unterhalten, die man sonst nur schwer kennengelernt hätte?! Also legten alle gemeinsam los mit den Vorbereitungen. Es wurde tatkräftig Gemüse geputzt und geschnippelt, Salate wurden vorbereitet und natürlich bereiteten einige freiwillige Grillmeister uns die wunderbar schmeckenden, orientalischen Fleischköstlichkeiten zu.

Spannend war für mich, dass die von meinem Kollegen Ben und mir betreuten Jugendlichen aus unserem Wohnprojekt ebenfalls am Grillfest teilnahmen. Das war eine gute und wichtige Möglichkeit für die Jugendlichen, um mit anderen Gesellschaftsschichten in Kontakt zu kommen und sich gegenüber diesen zu artikulieren. Unsere Gäste hörten interessiert und gespannt zu, denn die Perspektive eines unbegleiteten Jugendlichen mit Fluchtbiografie war besonders wertvoll für die Begegnung. Zudem konnten unsere Jungs natürlich aus erster Hand berichten, wie es sich im Schiller-Kiez wohnen lässt und wie interkular und sie zueinander gefunden haben.

Im Großen und Ganzen war es eine sehr gelungene Veranstaltung und unsere Gäste genossen die Feier bis zum späten Abend ausgelassen. Sie waren nicht nur glücklich, sondern sind auch reicher geworden – reicher an vielen neuen Bekanntschaften…die hoffentlich wachsen oder zumindest bestehen bleiben. Auch ich war glücklich – denn mit so einem Fest und den unglaublich wichtigen Begegnungsmomenten macht Sozialarbeit doppelt so viel Spaß.

Wir machen das!!! Aber wie…das musste mal besprochen werden

Letzte Woche war Nina bei einer Konferenz von der Initiative wirmachendas.jetzt im Haus der Kulturen der Welt. Und es war: Erfrischend anders! Sie schreibt hier von ihren Eindrücken und Gedanken zum Aktionsbündnis:

Bei all den Netzwerktreffen, die mensch so im Alltagswahnsinn auch noch besucht, war sowohl der Veranstaltungsort als auch die Zusammensetzung der geladenen Gäste erfrischend anders als sonst. Zunächst hielten die Veranstalter*innen und einige geladene Organisationen teils flammende politische Reden. Genauso hatte ich mir das vorgestellt! Bei aktuell ca. 6.000 freiwilligen Helfer*innen für „Newcomer“ in Deutschland wird es wirklich Zeit, gemeinsam und zwar eben gemeinsam mit Migrant*innen-Organisationen zu EINER LAUTEN Stimme zu werden. Auch wenn kleinere Demonstrationen, wie beispielsweise gegen die Abschiebespraxis nach Afghanistan, immer ein Zeichen setzen – allein in solch kleineren und unverbundenen Einzelaktionen werden wir die notwendige Veränderung wohl leider kaum erzielen können. Also geht es nicht nur um die politische Stimme, sondern letztendlich auch um effektive Mobilisierung – gehört ja irgendwie auch zusammen…

 

Von langjährigen Mitgliedern von Migrant*innen-Organisationen über Mitarbeitende von Stiftungen, der Senatsverwaltung, Journalist*innen und Mitgliedern neuer Vereine zur Hilfe von „Newcomern“ und und und gab es viele Stimmen in den einzelnen Projektgruppen. Mögliche gemeinsame Ziele wie einen Dachverband, eine Quote oder eventuell einfach auch den Begriff ‚Leitkultur’ für sich zu nutzen und ganz neu zu besetzen waren Themen der Diskussionsrunden. In meiner Gruppe regte ich an, dass es vielleicht zu einem viel intensiveren Austausch zwischen Migrant*innen-Organisationen und den ‚neuen’ Helfer*innen von Geflüchteten kommen müsste (welche seit 2015 in verschiedensten Gruppierungen entstanden sind). Vielleicht würde sich da ja auch mal ganz ordentlich gestritten werden, bis oder damit eben alle zu dem Punkt kommen, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen sollten…

 

Auf dem Weg nach Hause dachte ich dann über neue Betitelungen nach. Natürlich kreisten meine Gedanken auch um Sprache und bewussten Sprachgebrauch. Beispielsweise dachte ich im ersten Moment: Wenn es eine Einheit zwischen all den Initiativen geben soll, dürften Migrant*innenen-Organisationen doch auch nicht mehr als solche bezeichnet werden – wir müssten uns einen gemeinsamen Namen geben. „Pro Einwanderungsgesellschaft“ fiel als Vorschlag in meiner Projektgruppe – aber ist das denn umfassend genug? Schließlich wurde unter anderem auch über Genderdiskriminierung gesprochen. Müsste es dann nicht doch wieder sowas wie ‚offene Gesellschaft’ heißen, auch wenn der Begriff jetzt schon irgendwie im öffentlichen Diskurs ‚besetzt’ ist…

 

Zu Hause angekommen gestand ich mir dann doch ein, dass die einzelnen Initiativen vielleicht nicht zu einer Einheit werden sollten, sondern die verschiedenen Potenziale und Kräfte jeder Intiative tatsächlich unter einem Dachverband der Diversität gebündelt werden könnten.

 

Welche Lösung es auch konkret sein mag: Für die LAUTE STIMME, die wir alle aus den Arbeitsfeld Migration sein könnten, möchte ich mich definitiv stark machen! interkular ist hier in jedem Fall dabei. Es wird auch für uns Zeit, uns bewusst zu werden, dass unser Handeln politisch ist. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist der Austausch mit dem politischen Dachverband südspanischer Hilfsorganisationen, mit denen wir uns im Oktober im Rahmen des „On y va“ Programmes des Deutsch-Französischen Instituts und der Robert Bosch Stiftung treffen. Aber dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.

Die Integrationsmacher: Wir fangen schon einmal an! Von einer Begegnung mit Ai Wei Wei und der Gründung von interkular…

Es klappt nicht immer alles wie geplant: Manchmal klappt es sogar besser. Denn als Dominik und Nina sich bei einem Soli-Flohmarkt das erste Mal begegneten, hätten die beiden sich sicherlich nicht ausmalen können, ein Jahr später gemeinsam das Sozialunternehmen interkular zu gründen.

Dominik war zu der Zeit frisch nach Deutschland zurückgezogen. Für einige Jahre lebte und forschte er in Sao Paolo/Brasilien für seine Doktorarbeit zu urbanen Un-/Sicherheitspraktiken. Bei seiner Rückkehr nach Berlin hatte sich die Stadt und das Land ein Stück verändert, denn hunderttausende Menschen suchten Zuflucht vor Krieg und Verfolgung. Kaum zurück, packte Dominik bei der Soforthilfe mit an. Es war klar, dass er hier ehrenamtlich seinen Beitrag für die geflüchteten Menschen in Deutschland leisten wollte.

Nina war als Alteingesessene Berlinerin schon mittendrin in der gesellschaftlichen Veränderung: Von Soli-Trödelmärkten in ihrem Kiez-Café neben dem Tempelhofer Feld und Verteilung von Nahrungsmitteln vor dem LaGeSo, bis hin zum Aufbau einer Kleiderkammer und Schulaktionstagen zum Thema Flucht – ihr selbstorganisiertes Engagement war nicht selten spontan und setzte immer dort an, wo Veränderung nötig war. Und das machte es auch wirkungsvoll!

Ebenso spontan stieg Dominik in die Arbeit im gemeinsamen Verein ‚to gather e.V.’ ein. Das erste Projekt der beiden war für die Unterkunft Tempelhof – mit viel Mühe aber eben auch unglaublich viel Spaß bauten sie gemeinsam mit einem Team von Freiwilligen eine buntes Kinderspielparadies in einen der tristen Hangarräume. Als Material dienten dabei auch Teile des nicht mehr benötigten Sets vom Seriendreh zu ‚Homeland’, welches quasi über Nacht umzog. Bei der Eröffnung zeigten sich die Unterkunftsbewohner*innen und Gäste begeistert über das Ergebnis. Unter ihnen war ein unerwarteter und prominenter Gast: Der chinesische Konzeptkünstler Ai Wei Wei ließ sich von Dominik den Raum im Detail erklären und zeigen. Dominik führte den prominenten Gast umher – ohne ihn zu erkennen. Wer konnte damit auch rechnen…

Nina und Dominik begegneten bei der Arbeit vor Ort tollen Initiativen und vielen unermüdlich arbeitenden Engagierten – den beiden fiel jedoch auf, dass nur wenige der gesellschaftlichen Zuwendungen und Projekte direkt auf die sehr große Gruppe der jungen männlichen Alleinreisenden abzielten. So entschieden sie sich ihre gebündelte Energie fokussiert in diese wichtige Zielgruppe zu stecken. Ihr erstes Großprojekt führten sie ebenfalls in der Unterkunft Tempelhofer Feld aus, diesmal als Unternehmen. Mit einer ausführlichen Bedarfsermittlung konnte dem Betreiber der Unterkunft eine zielgruppenspezifische Handlungsempfehlung gegeben werden. Aus den hierbei gewonnen Eindrücken sahen Nina und Dominik die Notwendigkeit, Integrationsarbeit aus einer holistische betrachteten Perspektive heraus zu leisten.

So entstand interkular als gemeinnütziges Sozialunternehmen. Die laufenden und bald startenden Projekte haben allesamt die Vision, Flucht und Asyl als soziale und wirtschaftliche Ressource für alle Beteiligten zu gestalten – die Menschen mit aktueller Fluchtbiografie können bestenfalls ihre eigenen Potentiale nutzen bzw. entfalten und in die Gesellschaft investieren. Und die hiesige Gesellschaft kann die neuen Umstände als Chance begreifen, gemeinsam mit und an den Neuberliner*innen zu wachsen.